Unsere Schule unter dem Hakenkreuz

Willy Wertheim und Hermann Reis waren 1933 Rechtsanwälte in Marburg. Sie waren beide ehemalige Schüler unserer Schule. Hermann Reis wurde mit seiner Familie 1944 in Ausschwitz ermordet, Willy Wertheim wurde 1943 in das KZ Majdanek deportiert und ermordet. Die Gedenken-AG an der Martin-Luther-Schule unter Leitung des Ethik- und Politiklehrers Arne Erdmann hat sechs Portraits verfolgter ehemaliger Schüler erarbeitet und aufgezeichnet – nur einer der Portraitierten hat überlebt. Eine erstellte Liste deportierter und ermordeter ehemaliger Schüler unserer Schule enthält 39 Namen. Die Tafeln mit den Portraits werden künftig im Treppenaufgang von der Cafeteria zu den neuen Schulräumen zu sehen sein.

1970 habe ich mein Abiturzeugnis von der Martin-Luther-Schule bekommen. Das Abiturzeugnis meines 2006 verstorbenen Vaters, Schüler der gleichen Schule von 1934 bis 1938, trägt die Überschrift Adolf-Hitler-Schule und den Schulstempel ziert das Hakenkreuz. Unterschrieben ist das Zeugnis u. a. vom Schulleiter und Oberstudiendirektor Walter Brand. Die Gedenken-AG weist wie frühere Darstellungen darauf hin, dass Schulleiter Brand die jüdischen Schüler vor Übergriffen ihrer Mitschüler in Schutz genommen hat, dass er den Einfluss der Hitlerjugend auf die Schule und den Unterricht zu begrenzen suchte und an anderer Stelle ist auch vermerkt, dass er die Lehrer, die nicht Mitglied der NSDAP waren und die „Bewegung“ nicht unterstützten, korrekt behandelte und in Ruhe arbeiten ließ (zu lesen bei Hanno Schmitt, näheres zu seinem Beitrag am Ende dieser Betrachtungen). Brands Aufzeichnungen „Oberrealschule und Realgymnasium Marburg 1906-1946“, die ein ganz wichtiges historisches Dokument sind mit vielen Informationen, kann man heute dennoch nur mit sehr gemischten Gefühlen lesen. Kein Wort zum Beschluss der ersten „gleichgeschalteten“ Stadtverordneten-Versammlung am 03.04.1933, in der nicht nur Hitler und Hindenburg zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt wurden, sondern in einem Aufwasch auch Straßen, Plätze und Schulen umbenannt wurden, darunter die Oberrealschule in Adolf-Hitler-Schule. Am 06.05.1933 wies die Oberhessische Zeitung darauf hin, dass entgegen einer Meldung aus Frankfurt, nicht dort die erste Adolf-Hitler-Schule benannt wurde, sondern in Marburg bereits vorher am 1. Mai 1933 die Hitler-Schule „geweiht“ (!) wurde. Auch kein Wort von Brand zu dieser Festveranstaltung, auf der er Hitlers Persönlichkeit und Werk würdigte. Die neuen verordneten Unterrichtsinhalte wie Rassenkunde, Vererbungslehre, Wehrerziehung schildert Brand ohne Begeisterung, wobei es ihn beschäftigt hat, dass es dafür noch keine ordnungsgemäßen Lehrmaterialien gab. Und schließlich findet sich in seinen Aufzeichnungen, die er nach seiner Pensionierung 1946 gefertigt hat, kein Wort zu den ehemaligen jüdischen Schülern, die die Schule verlassen mussten – dass es jüdische Schüler gab, kann man nur seiner Bemerkung entnehmen, dass alle arischen Schüler (er schreibt dies 1946 so schlicht, ohne Anführungsstriche) Mitglied der Hitlerjugend wurden – mein Vater, der mit 13 Jahren aus dem Saarland kommend, auf die „Adolf-Hitler-Schule“ wechselte, hatte mir ebenfalls erzählt, dass ihm der Eintritt in die Hitlerjugend sofort nahegelegt wurde.

Ungeachtet dieser kritischen Anmerkungen zu Brands Ausführungen findet man im Bericht vieles Informative zum Schulalltag unter dem Hakenkreuz, wie etwa die Unzahl angeordneter Feiern in 1933 (darunter Hitlers Geburtstag), die ständigen Beaufschlagungen der Schüler durch Hitlerjugend-Aktivitäten und -Lehrgänge, die damit verbundenen Disziplinlosigkeiten in der Schule, aber auch eher unpolitische Vorgänge wie Änderungen bei den Schulnoten u. a.. Die Abneigung Brands gegen die Hitlerjugend, gegen deren Anspruch „Jugend kann nur durch Jugend erzogen werden“, und die ständigen Störungen des Schulalltags ziehen sich durch seine Darstellung.

Mit  Beginn des Krieges schildert er dann den Ausfall von eingezogenen Lehrern von einem Tag auf den anderen, das Verkürzen des Abiturs, ständiges Wertstoffsammeln, das Einziehen jüngerer Schüler bis hin zu den „Luftwaffenhelfern“. Das waren aus heutiger Sicht Kindersoldaten, die bei Ihrem Einsatz in der Nähe von Marburg, aber auch in Kassel und Pommern von einem Lehrer der Schule begleitet wurden. Dessen Bericht (abgedruckt bei Hanno Schmitt) belegt Mitgefühl mit seinen Schülern, aber auch die distanzlose Akzeptanz dieses Einsatzes von Kindern im Krieg.

Am Ende waren es 158 Schüler und Lehrer unserer Schule, die im 2. Weltkrieg starben.

In meiner eigenen Schulzeit in den 60er-Jahren unterrichteten noch einige Lehrer, die in der Zeit des Nationalsozialismus bereits als Studienräte, Referendare oder Assessoren an unserer Schule tätig waren. Darunter z.B. der spätere Rektor Herr Dr. Dickmann und auch unser Geschichtslehrer Herr Dr. Lautemann, von dem berichtet wird, dass er 1938 von seinen Schülern nach seiner ehrlichen Meinung nach dem Brand der Synagoge gefragt wurde und diese auch gesagt hat: dass er dies für ein Verbrechen hält – dazu und zur Situation der Lehrer in der Nazizeit siehe die Ausarbeitung von Hanno Schmitt. Immerhin hat ihn offenbar niemand denunziert. Herr Lautemann hat auch uns 30 Jahre später ganz im Geiste der Aufklärung und der Freiheit unterrichtet – in seiner Theater-AG habe ich den Henker in „Jeanne oder die Lerche“ und den Saint Just in „Der arme Bitos oder das Diner der Köpfe“ (beides von Jean Anouilh) spielen dürfen. Wir hatten damals aber auch einen Lehrer, der uns ganz unbefangen sagte, er sei überzeugt gewesen, dass der Nationalsozialismus richtig und gut war, und diese Überzeugung hätte er auch noch heute. Und er machte Sprüche wie „Volk ans Gewehr!“ Ein anderer unserer Lehrer sieht auf dem Foto des Kollegiums aus wie eine schlechte Hitler-Parodie mit schwarzem Schnauzbärtchen und passender Frisur – in diesem Fall weiß ich allerdings nicht mehr, ob dies seiner Einstellung entsprach. Und unser Religionslehrer litt an seiner Kriegsteilnahme und gestand uns in höchster Erregung: „Ich habe Menschen erschossen!“ und verwies auf das Dilemma, dass er sich durch seinen Eid an den „Führer“ gebunden hatte und daraus keinen Ausweg sah.

Wir haben in meiner Erinnerung auf die oben geschilderte Bekundung zum „Tausendjährigen Reich“ nicht groß reagiert, waren auch nicht empört – in den 60er Jahren waren viele der Eltern und Erwachsenen ehemalige Kriegsteilnehmer und ehemalige Parteimitglieder und wir waren solche Äußerungen auch außerhalb der Schule gewohnt. Entweder wurde beschönigt und verharmlost (von den immer ins Gespräch gebrachten Autobahnen bis hin zum Holocaust: „So viele können es unmöglich gewesen sein!“), oder es wurde alles auf Hitler konzentriert („Der Wahnsinnige“) oder es wurde gar nicht darüber geredet. Ein kritisches, reflektierendes Gespräch zu diesen Themen mit uns Heranwachsenden war nach meiner Erinnerung die Ausnahme. Unser Geschichtsunterricht, der sich mühsam durch die Jahrhunderte seit den alten Griechen vorarbeitete, erreichte das 20. Jahrhundert nicht.

1955 gab es übrigens noch einmal eine Diskussion um den Namen unserer Schule, die zwischenzeitlich wieder schlicht zum Realgymnasium für Jungen geworden war: Die Lehrerschaft wandte sich gegen eine „Martin-Luther-Schule“, weil dies den konfessionellen Frieden nicht fördere, und präferierte den Namen „Deutschhausschule“.

Jahrbuch 1988
Martin-Luther-Schule 1938-1988 – Eine Dokumentation

Die Geschichte unserer Schule ist hervorragend und detailliert aufgearbeitet in „Martin-Luther-Schule 1838 – 1988 Eine Dokumentation“ (siehe Abb. rechts). Diese Dokumentation zum 150jährigen Jubiläum ist z. B. im Hessischen Staatsarchiv vorhanden und auf ZVAB werden aktuell 2 Exemplare angeboten. In dieser Dokumentation ist auch die Zeit der „Adolf-Hitler-Schule“ mit einer Vielzahl von Dokumenten, hochinteressanten Interviews mit Zeitzeugen und Ausschnitten aus dem Bericht von Walter Brand ausführlich bearbeitet.

Dann gibt es das Buch „Kirche und Schule im nationalsozialistischen Marburg“, Marburger Stadtschriften Band 16 (1985) und darin den schon mehrfach genannten Beitrag „Am Ende stand das Wort ´Umsonst´“ von Hanno Schmitt mit einem langen Kapitel über unsere Schule.

Einen kurzen geschichtlichen Abriss gibt der damalige Rektor Dr. Fritz Dickmann in der Festschrift „Martin-Luther-Schule Marburg an der Lahn 1838 – 1963“. Er sah die Schule in den dreißiger Jahren in „stillem, aber nachhaltigen Widerstand gegen den Ungeist der Zeit“, berichtet aber auch, dass 1945 die meisten Lehrer im Zuge der Entnazifizierung entlassen wurden und nur nach und nach an die Schule zurückkehren konnten.

Einen autobiographischen Text „Völlig undeutsch und der Zeit unangemessen“ von Heinz Düx, Schüler und Abiturient unserer Schule 1942, gibt es in Heinz Düx, Justiz und Demokratie – Anspruch und Realität in Westdeutschland nach 1945, S. 915ff, Pahl-Rugenstein 2013, in dem er den Schulalltag und seine Situation an unserer Schule in den dreißiger Jahren beschreibt: Er erlebte etwa die Hälfte der Lehrer als „ausgesprochen faschistisch“, die anderen als neutral. Er berichtet u. a. über die Rituale mit der Hakenkreuzflagge und  seine persönliche Situation. Heinz Düx hat Anfang diesen Jahres mit 92 Jahren auf Einladung der Gedenken-AG in der MLS über seine Schulzeit referiert. Er war nach dem Krieg Mitglied im Entnazifizierungsausschuss in Marburg und später u. a. Untersuchungsrichter im Ausschwitz-Prozess. Die Juristen unter uns kennen ihn als Vorstandsmitglied der „linken“ Vereinigung Demokratischer Juristen.

Der Bericht des Schulleiters Walter Brand „Oberrealschule und Realgymnasium Marburg 1906-1946“, ist nach vorheriger online-Anmeldung im Hessischen Staatsarchiv in Marburg problemlos einsehbar (Aktenbestand HSTAM 153/15, Nr. 371 und 372). Die wichtigsten Passagen des Berichts, auch zur Schulgeschichte vor 1933, sind auch in der oben genannten Dokumentation von 1988 abgedruckt.

Die  berührenden Portraits aus der Arbeit der Gedenken-AG hat mir Herr Erdmann als PDF übersandt. Ich darf sie an Interessierte auch gerne weiterverteilen (bitte per email bei mir anfordern: anwalt-rieth@t-online.de) Der Wunsch, dass wir aus der Geschichte für die Zukunft  lernen, erfüllt sich bekanntlich oft nicht, dennoch halte ich es für höchst anerkennenswert und dringend notwendig, dass wir unsere Vergangenheit kennenlernen und uns damit auseinandersetzen.

"...und es ging böse zu..."
“…und es ging böse zu…”

Zuletzt möchte ich auch alle hinweisen auf den von unserem Deutsch- und Geschichtslehrer Dr. Helmut Krause veröffentlichten Rundbrief von Abiturienten des Jahres  1939, die den ganzen Krieg und auch später noch dieses Heft kreisen ließen und über ihr jeweiliges Schicksal mal mit Understatement, mal pathetisch, mal ironisch berichteten: „…und es ging böse zu…“, Marburger Stadtschriften 54 (1996). Von den 15  Klassenkameraden haben 8 den Krieg nicht überlebt. Auch der Klassenlehrer dieser 15 Schüler, der eigene Beiträge für den Rundbrief lieferte, starb 1944 in Russland.

 

 

Dr. Horst Rieth

Dr. Horst Rieth besuchte von 1962 bis 1970 die Martin-Luther-Schule in Marburg an der Lahn. Er studierte Jura und arbeitet heute als Anwalt. Sein besonderes Interesse an der Geschichte unserer Schule machte ihn zum Autor in diesem Weblog.

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