Verabschiedung von Dr. Paul Meß

Jahrbuch der MLS von 1968/69(aus dem MLS-Jahrbuch 1968/69):

Die Schule hat unter den fünf aus dem Dienst scheidenden Kollegen nur ungern auch Herrn Dr. Meß verabschiedet, der zwei Jahre vor Erreichung der Altersgrenze um Entlassung aus dem Schuldienst gebeten hatte.

Seine Fächer Leibeserziehung und Biologie haben ihm eine so weit verzweigte Verbindung und eine so reiche Erlebniswelt gebracht, daß es schwer ist, diesen Reichtum in den zur Verfügung stehenden Zeilen unterzubringen.

Folgen wir zunächst den äußeren Stationen seines Weges:

Er ist gebürtiger Marburger, der nach 8 Jahren Volksschule sich als Autodidakt mit eisernem Willen weiterbildete und als Externer in Kassel das Abitur bestand. Seine praktische Arbeit auf einem Gut mit dem Ziel, Landwirt zu werden, gab er bald auf und begann sein Studium mit den Fächern Biologie, Leibeserziehung und Chemie. Nach dem Staatsexamen und der Absolvierung der Referendarzeit an unserer Schule arbeitete er als Hochschulassistent am Institut für Leibesübungen in Marburg, wo ihn ein reiches Betätigungsfeld erwartete. Dort bildete er die Turn- und Sport-Studenten aus, war Organisator von Wettkämpfen, leitete Fortbildungslehrgänge für Leibeserzieher, führte den Vorsitz bei den Prüfungen für Schwimmeister und betreute bei den Olympischen Spielen 1936 ausländische Mannschaften, wofür er mit der Olympia-Erinnerungsmedaille ausgezeichnet wurde. 1938 erfolgte die Ernennung zum Oberassistenten und später seine Promotion. Am Kriege nahm er von 1939 bis 1945 als Infanterieoffizier teil, wurde schwer verwundet und erhielt mehrfache Auszeichnungen. Da es nach dem Krieg zunächst nicht mehr möglich war, die Stelle an der Universität wieder einzunehmen, kehrte er zur Martin-Luther-Schule zurück, wo er in seinen Fächern unterrichtete, mit der Betreuung der biologischen Sammlung beauftragt wurde und auch sehr bald zum Fachleiter für Leibeserziehung am Studienseminar und damit zum Oberstudienrat ernannt wurde.

Herr Professor Jaeck wird wohl gewußt haben, warum er damals Dr. Meß zu seinem Assistenten vorschlug. Denn der Auserwählte brachte an geistigen und charakterlichen Werten alles mit, was ein solches Amt verlangte: gut fundiertes Wissen, Lehrgeschicklichkeit und Fähigkeit mit jungen Menschen umzugehen, Tüchtigkeit und Energie, Gewissenhaftigkeit und Fleiß, dazu jenen Idealismus, der dem echten Leibeserzieher zu eigen ist. Was ihn neben diesen Werten weiter charakterisiert, sind seine große Natur- und Heimatliebe und der Sinn für Humor.

Die Schule konnte dankbar sein, daß sie einen Mann mit solchen Kenntnissen und Erfahrungen wieder einstellen konnte. Denn nun kamen diese Werte den Schülern unserer Schule zugute. Sowohl vom Biologie- und Chemie-Unterricht, als auch von den Leibesübungen berichteten die Schüler über seine anschauliche und formale Kraft des Unterrichts, von seinen Ideen und Anregungen und seinem Schneid beim Turnunterricht.

Ebenso hat er bei der Leitung von Studentengruppen und von Schulklassen auf Wanderungen zu Fuß oder mit dem Rad, bei Zeltlagern, Ruderwanderfahrten und Skilagern eine besonders geschickte Hand gezeigt und alle diese Unternehmen zu vollem Erfolg geführt. Denn auch dies kam seinen Schülern zugute: seine Liebe zu seiner Heimat und dem Land Hessen, das er kennt wie kaum ein anderer, und seine Kenntnisse über dies Land in geschichtlicher, geographischer und kulturgeschichtlicher Hinsicht.

Bei der Ausbildung der Referendare zeigte sich besonders sein reifes Können, indem er die jungen Lehrkräfte zu selbständigen Versuchen und eigenen Wegen anspornte, noch bis vor einigen Jahren in den Leibesübungen sich als exakter Vorturner zeigte, auch eigene Ideen durchbrachte und dadurch zu der stetig sich weiterbildenden Neugestaltung des Unterrichts einen entscheidenden Anteil beitrug.

Neben den beruflichen Anforderungen fand Dr. Meß noch Zeit, sich wissenschaftlich zu betätigen. Er hat sich in zahlreichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften über Geschichte, Didaktik und Methodik der Leibesübungen geäußert und anerkennende Kritik bei In- und ausländischen Fachleuten gefunden. Für seine große Arbeit: “Das Feldbergturnfest 1844–1954” wurde ihm 1955 der Carl-Diem-Preis verliehen. Ferner zog man ihn heran als Mitarbeiter an Erlassen für die Leibeserziehung der Hessißchen Schulen, so daß verschiedene Abschnitte des Bildungsplanes damals von ihm entworfen wurden. Ebenso bekamen die Richtlinien für die Ausbildung der Referendare in den Leibesübungen seine Prägung.

Bei der Aufführung seiner Leistungen darf nicht seine ehrenamtliche Tätigkeit als Leibeserzieher und Biologe vergessen werden. Nicht nur, daß er verschiedene Ämter als Turnwart, Sportwart in der Turnbewegung, als Gauvorsitzender des Turngaues Oberlahn/Eder innehatte, sondern daß er auch in der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft mitarbeitete. Die Stadt versah ihn mit dem Amt des Kreisbeauftragten für Natur- und Landschaftsschutz; dazu gehörte er mehrere Jahre dem Jugendwohlfahrtsausschuß und der Sportdeputation an. Vor allem aber verbindet sich seine Name mit dem Stadtstaffellauf, den er viele Jahre mit Präzision organisierte und ausbaute.

Möge Paul Meß die körperliche Gesundheit und die geistige Schaffenskraft noch für viele Jahre erhalten bleiben, damit u. a. auch die Schule bei ihm in dieser unruhigen Zeit bisweilen Rat, Maß und Richtung holen kann, so daß das aufgespeicherte Wissen und die überlegene Fachkenntnis auch über die aktive Zeit hinaus immer noch zu Diensten stehen kann. Hierin läge nach Ansicht des Rezensenten der tiefere Sinn der Pensionierung: die Reife des Alters nicht unbenutzt zu lassen, sondern sich hin und wieder ihrer liebevoll zu bedienen.

Kleiner

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