Traumergebnis

Friedrich Caron-Bleiker (Abijahrgang 1970)Den folgenden Artikel schickte mir Friedrich Caron-Bleiker (Abi 1970, siehe Foto links) vor einiger Zeit als seinen Beitrag zu meinen Lehrer-Portraits in der Ehemaligen-Zeitung. Friedrich ist Redakteur beim Bremer Weser-Kurier und wollte sich redaktionell schon längst mal an der Ehemaligen-Zeitung beteiligen.

„Herzlichen Dank, mein Lieber!“ und „Weiter so!“ kann ich da nur sagen. Mögen sich auch andere Ehemalige dadurch motivieren lassen und sich aufraffen, bei der Gestaltung “Ihrer” Mitteilungsplattform selbst Hand anzulegen.

C. Michael Mette

Neulich war es wieder so weit. Ich habe geträumt, in diesem Klassenraum zu sitzen, oben unterm Dach, mit Blick auf die Uferstraße. Die Tür geht auf und dann kommt er herein, mit den Heften unterm Arm: Mathe-Arbeit! Es ist nicht irgendwer, der da rein kommt, es ist ein Mann um die 60, hoch gewachsen, dünn, lichter Haarschopf, große Ohren. Es ist Willi Beil persönlich, der sich auch über 33 Jahre nach diesem sonnigen Junitag, an dem sie uns die Abiturzeugnisse in der Aula überreicht haben, immer noch in meinen Träumen breit macht. Und jedes Mal fühle ich in diesen Träumen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis er wieder auftaucht. Es wäre ja auch zu schön gewesen: Ein Leben ohne den täglichen Mathe-Horror. Ohne die Rückgabe der Arbeitshefte, diese Momente, wenn er sie aus der Aktentasche zog und sie durch die Klasse warf wie ein gütiger Onkel, der seine Geschenke los werden wollte. Ohne den Groschenwurf, der darüber entschied, wer als erster nach vorn an die Tafel kommen durfte. Manchmal traf es auch den, der als letzter aus der Pause zurückkam.

Wenn er mir das nächste Mal im Traum erscheint, werde ich hoffentlich den Mut finden und ihn ansprechen. Lieber Herr Beil, werde ich dann sagen, die Sache liegt nun 33 Jahre zurück. Ich habe mich damals zumindest bemüht und in den Jahren seitdem den Nachweis angetreten, dass man auch mit einer Mathe-Fünf im Gepäck einen mehr oder weniger ehrbaren Beruf ergreifen kann, der seinen Mann ernährt. Meinen Sie nicht auch, lieber Herr Beil, dass wir endlich Frieden schließen sollten?

Bestimmt wird er kichern und sagen: Was haben Sie denn studiert, Caron? Wahrscheinlich Politik und Soziologie, hihihi. Dann wird er sein Notizbuch zücken, den Kopf schütteln und sagen: Und jetzt kommen Sie nach vorn und zeigen Sie mal, was sie von der Integralrechnung behalten haben. Und nicht vergessen:

Reden ist Silber, Schweigen ist sechs.

Reaktionen

Zum vorstehenden Artikel sind bisher 3 Reaktionen in Form von Leserbriefen bei mir eingegangen, die ich gerne veröffentliche.

  • Am 03. Oktober 2003 schrieb Wolfgang Brühl (Abi 1958) die 1. Ergänzung zum “Traumergebnis”:
    Von: WolfgangBruehl@t-online.de (Wolfgang Brühl)
    An: “ehemalige mls” ehemalige@mls-marburg.de
    Subjekt: Traumergebnis
    Datum: 3. Okt. 2003

    Lieber Herr Mette,

    zum Bericht von Herrn Caron-Bleiker (in der Ehemaligen-Zeitung 4/2003): Der Traum darf so nicht alleine stehen bleiben. Der Bericht bedarf keiner Korrektur sondern ganz einfach einer Ergänzung.

    Ich habe Herrn Beil in der Mittelstufe als Lehrer gehabt – allerdings war er wohl damals nicht um die 60 sondern vielleicht 45 Jahre alt. Aus meiner Sicht und mit dem Abstand von vielen Jahren Berufsleben ist Herr Beil für mich einer der besten Lehrer gewesen. Besonders unter dem aktuellen Gesichtspunkt, daß es jungen Schülern an Vorbildern fehlt, damit meine ich die Vorbildfunktion nicht nur zum Nacheifern, sondern daß man sich an Herrn Beil orientieren und mit ihm diskutieren – vielleicht auch streiten konnte.

    Er hat allerdings auch nur Schüler akzeptiert, die in seinen Fächern eine gewisse Begabung mitbrachten. Ich hätte Herrn Beil gerne in der Oberstufe als Physiklehrer gehabt, um mit ihm über Relativitätslehre oder über Raketen, die die Erde verlassen können, zu diskutieren.

    Seine Art, sich auf den Lehrertisch zu setzen, die Beine baumeln zu lassen, den Eindruck zu erwecken, als wäre er unvorbereitet in den Unterricht gekommen – konnte er, da er jederzeit das banale Wissen fürs Gymnasium abrufen konnte – war unter pädagogischen Gesichtspunkten nicht erste Sahne.

    Und seinen Spruch “Reden ist Silber, Schweigen ist sechs” kann ich ergänzen. “Eins ist besser als der Lehrer”, das sagte er einem Klassenkameraden, der unbedingt eine Eins in Chemie haben wollte. Der Klassenkamerad bekam die Eins, obwohl er nicht besser war als Herr Beil: Er hatte ja auch gesagt, besser als die Lehrer und damit stellte er sich in den Naturwissenschaften fachlich über seine Kollegen. Aber das haben Menschen, die herausragende Leistungen in ihrem Gebiet bringen, ja so an sich.

    In der Aula der Uni-Kirche gaben Anfang der 50er Jahre zwei Professoren – ich nenne mit Absicht keine Namen, ich hatte bei einem von beiden für kurze Zeit Klavierunterricht – ein Bachkonzert für Orgel und Cembalo. Und mein Klavierlehrer erzählte mir ein paar Tage vor dem Termin: Stell Dir vor, mein Kollege hat mich angerufen, ob wir zusammen nicht vorher noch üben wollten. Da habe ich ihm geantwortet: Entweder er kann das oder wir lassen das.

    So borniert war Herr Beil nicht! Im Gegenteil, sein Unterricht hatte sogar einen Hauch von Teamarbeit, allerdings nur für Schüler, die konnten und wollten. Ich konnte und wollte im Englischunterricht nicht. Der Englischlehrer hatte einen Mitschüler als Papagei tituliert und mich einige Tage später klassifiziert “Sie sind auch ein komischer Vogel”.

    Lieber Herr Caron-Bleiker, Sie sehen, ich arbeite auch noch meine Vergangenheit auf.

    Wolfgang Brühl

  • in der Ehemaligen-Zeitung 1/2004 reagierte darauf dann Dieter Möller, ein Klassenkamerad von Wolfgang Brühl, mit der 2. Ergänzung:

    Nachtrag zum Nachtrag

    Zum Leserbrief von Wolfgang Brühl vom 03.10.03 – Willi Beil – schrieb mir Hans Dieter Möller aus Kassel Ende 2003 per “Snail-Mail” (das ist die im Vergleich zur E-Mail etwas langsamere “Gelbe Post”:

    Lieber Herr Mette,

    ich hatte mir seinerzeit eigentlich vorgenommen, auf den Bericht von Friedrich Caron-Bleiker im Mitteilungsblatt 3/2003 in Bezug auf unseren ehemaligen Mathe-Lehrer Willi Beil zu antworten.

    Aber irgendwie ist das dann in Vergessenheit geraten. Umso erfreuter war ich, dass mein Klassenkamerad und Mit-Abiturient Wolfgang Brühl (Abi 1958) die Sache aufgegriffen und den Bericht von Friedrich Caron-Bleiker ergänzt hat.

    Während Brühl seinerzeit ein nach meiner Erinnerung guter Mathematik- und Physikschüler war, mangelte es mir eher an den notwendigen Kenntnissen und Fertigkeiten in diesen Fächern, um in die Riege derjenigen aufzusteigen, die bei Willi Beil Wohlwollen hervorriefen.

    Ich hatte vor ihm große Ehrfurcht, ja hin und wieder auch Angst, wenn er mit seiner unmißverständlichen Handbewegung einen Schüler an die Tafel holte, ohne ihn dabei vorher anzuschauen. Man wähnte sich scheinbar sicher, weil er in eine ganz andere Richtung blickte und hörte doch plötzlich seinen Namen. Für mich war der Gang an die Tafel immer mit großen Problemen behaftet, sollte ich doch meinem Lehrer und der Klasse mathematische Dinge klar machen, die ich selbst nicht verstand. Heute würde man sagen: Es war spannend und interessant zugleich. Damals aber dominierte die Furcht vor einer schlechten Note.

    Aus meinen heute noch vorhandenen Mathe-Arbeiten entnehme ich, dass Willi Beil auch in der Zensur und Bewertung seiner mathematischen Grundlinie treu blieb. So war beispielsweise eine Aufgabe noch 1/2 oder 1/4 richtig oder aber er gebrauchte den Begriff “Der gute Wille sei anerkannt”, wenn man eine Aufgabe nur ansatzweise anging. Gerade diese Formulierung, in der er einmal zu unser aller Belustigung statt des Wortes “Wille” seinen Vornamen “Willi” gebrauchte, verhalf oft noch zu einer Note knapp unterhalb Mangelhaft.

    Sollte in der nächsten Ehemaligen-Zeitung noch Platz sein, wäre ich sehr dankbar, wenn der beiliegende Artikel über Willi Beil, geschrieben anläßlich seines Todes von dem damaligen Lokal-Redakteur der Oberhessischen Presse, Dieter Rodenhausen (Abi 1957), abgedruckt werden könnte.

    Ich wünsche ein schönes Weihnachtsfest und ein gesundes und friedliches Jahr 2004.

    Herzliche Grüße

    Hans Dieter Möller, Kassel

  • ehe am 20.06.2005 Herbert A. W. Schröter (Abi 1954) seine Eindrücke von Willi Beil ergänzte:

    Leserzuschrift

    Nachdem ich die Zuschriften zu Willi Beil ja schoin vor einiger Zeit veröffentlicht hatte, habe ich nicht mehr damit gerechnet, Nachschub zu erhalten. Weit gefehlt, denn am 20.06.2006 meldete sich ein Absolvent des Abijahrgangs 1954 zu Wort, Dr. Herbert A. W. Schröter. Er schrieb:

    From: Schröter
    To:
    Subject: Leserzuschrift
    Date: Mon, 20 Jun 2005 20:24:02 +0200

    Ich hatte in den letzten Tagen Gelegenheiten, bei Freunden in einigen Exemplaren der “Ehemaligen-Zeitung” blättern zu können. Nun steht es mir nicht zu, die Qualität der Beiträge einer Vereinszeitung zu beurteilen, da ich nicht Mitglied dieses Vereins bin. Es treibt mich aber dennoch, das Bild, das in mindestens zwei Ausgaben von dem Mathematiklehrer Beil gezeichnet wird (Ausgabe 3/2003, Herr Caron-Bleiker; Ausgabe 1/2004, Herr Möller), der Gerechtigkeit halber richtig zu stellen.

    Ich verstehe es, wenn Schüler in einem Fach nicht glänzen können, weil ihnen das Fach nicht liegt, ja sogar Angst vor dem Fach und dem unterrichtenden Lehrer empfinden. Dies aber der Lehrkraft anzulasten und ihr noch Jahre nach deren Tod eine Mitschuld an einem gewissen Ungemach, an einer lang andauernden Lebensangst zuzuweisen, zeigt von wenig Selbsterkenntnis und Feingefühl. Hat es in dem einen Fall bei Herrn Caron-Bleiker nicht doch mindestens zu einem Soziologiestudium gereicht, trotz der Mathe-Fünf? Hat da keine Therapie geholfen, diese Beil-Ängste in den vielen Jahren “danach” zu überwinden? Gab es in der Nachkriegszeit bei vielen Schülern nicht dramatischere Erlebnisse, die zu vergleichbaren Ängsten hätten führen können?

    Wenn die Fünf vom Mathelehrer Beil kam, war sie auch berechtigt, denn Beil war gerecht in seiner Beurteilung! Aber nicht nur dies: er war häufig originell und konnte bei den Begabteren durch seine Anekdötchen die Begeisterung an seinem sehr guten Unterricht wachhalten (“Der gute Wille sei anerkannt: fünf”, oder: er riss sich den Zeigefinger ab und klebte sich ihn flux wieder an).

    Kurzum: er war ein hervorragender Lehrer, didaktisch und methodisch auf dem Stand der damaligen Zeit. Man kann ihn einreihen in die Gruppe anderer Lehrer, denen das gleiche Prädikat zusteht: Arendt (“Mensch, Stein, Ihnen müsste man hinten ein Sauerstoffgebläse anschließen, da sollten Sie mal sehen, wie vorne der Geist sprudelt”; “Unerhört: da übersetzt der Schröter das Wort “turba” doch tatsächlich in der Arbeit mit “Sauhaufen”, nur weil ich euch das vor der Arbeit so gesagt hab!”), Verbeek (immer menschlich und korrekt), Heye (“Na, wenn Sie in Mathe so viel aufhaben, dann kann ich Ihnen doch nicht auch noch Hausaufgaben geben”), Frau Fischer, Haag, Hoffmeister (bei ihm durften wir zum ersten mal mit Schwämmen auf großen Formaten malen, anstatt auf einer DIN A 4 -Seite eine ganze Apfelernte darstellen zu müssen) und viele andere.

    Zurück zu Mathelehrer Beil: der Artikel von D. Rodenhausen (siehe Nachruf), ebenfalls in der Ausgabe 1/2004 zu finden, wird da dem Menschen Beil schon eher gerecht. Und ich bin ihm heute noch dankbar für sein Wesen und seinen Unterricht.

    Dr. Herbert A. W. Schröter (Abi 1954)

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